Tagebucheintrag, 30. August 1904

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Ein paar Hundert Sportfans haben sich ins St. Louis Stadium geschleppt. Ich stehe neben der Startlinie, die Schreckschusspistole fest im Griff und mustere die jungen Männer. Sie beugen und dehnen sich. Aufwärmen scheint mir bei dieser Affenhitze ziemlich überflüssig. Es ist bereits Nachmittag und die Sonne steht hoch. Über 30° Celcius. Normalerweise fängt so ein Marathon am Vormittag an. Dauert ja auch ein paar Stunden. Aber das war den Organisatoren wohl nicht bewusst. Mir egal, ich muss nur diesen Abzug drücken und kann mich dann in den Schatten legen.

Laut Teilnehmerliste sind 32 Athleten hier. Die meisten sind Amerikaner und Griechen. Die Letzteren wollen bei ihren Spielen natürlich dabei sein. Einen Kubaner hat es auch, Carvajal heisst er. Man sagt er sei Postbote, zuhause in Havanna, und habe sich sein Reise hart erarbeitet. Er ist erst vor wenigen Minuten hier eingetroffen. Sein Boot hat in Key West angelegt und deshalb musste der arme Kerl erst noch hier hin laufen. Erspart ihm das Aufwärmen, immerhin. Leider fehlt ihm jetzt die Zeit zum Umkleiden. Ein paar Freunde schneiden ihm gerade die Hosenbeine ab. Arme Sau.

Zwei Schwarze sind auch hier. Südafrikaner. Habe gehört die seien aber eigentlich wegen einer Kriegsausstellung hier, nicht wegen den Olympischen Spielen. Sollen aber gute Läufer sein, weshalb sie sich spontan zum Mitlaufen entschlossen haben. Alles inoffiziell, zählt dann also nicht.

Oh, es geht los. Die Männer drängeln sich dicht aneinander, formen eine Traube. Gebannt schauen sie auf mich und meine Pistole. Für die geht's gleich los, für mich ist's schon vorbei. Naja, fast. In ein paar Stunden kommen sie ja dann wieder zurück. Start und Ziel sind beide hier. Aber während die schwitzen, werde ich ruhen. PENG!

Was für ein Rennen! Nur 14 haben es durch's Ziel geschafft. Der Rest hat aufgegeben. Naja, bis auf Fred Lorz. Der Typ kam eigentlich als erster an, wurde nach der Siegerehrung aber wegen Betrugs disqualifiziert. Wie sich herausstellte war er nach einem Drittel des Rennens zu erschöpft und wollte per Auto zurück zum Stadium fahren. Dieses hatte 16 Kilometer später aber eine Panne, weshalb er den Rest dann doch noch gelaufen ist. Flog natürlich auf, die ganze Sache.

An die Spitze des Podests ist deshalb Thomas Hicks nachgerückt. Konnte die Gratulationen aber noch nicht entgegennehmen, wir noch von Ärzten betreut, nachdem er mehr oder weniger über die Ziellinie geschleift wurde. Habe einen Arzt überhört der meint, dass Hicks während des Rennens mehrfach in Brandy aufgelöstes Strychnin getrunken haben soll. Ratengift mit Alkohol. Ich bin kein Mediziner, aber gesund klingt das nicht.

Der Kubaner sah auch nicht gut aus, als er hier ankam. Erzählt, er sei hungrig geworden und habe sich deshalb auf einer Obstplantage ein paar Äpfel besorgt. Die waren aber verdorben und deshalb habe er sich für ein Nickerchen hinlegen müssen. Wurde trotzdem noch vierter, der Typ.

Der schnellere Afrikaner ran als neunter über die Linie. Wird ja aber nicht gewertet. Man hat sich eigentlich ein bisschen mehr erhofft, bei dem Ruf, der da vorauseilte. Er sagt aber, er habe einen Kilometer Umweg laufen müssen, weil aggressive Hunde ihn gejagt hätten ...

Vorhin haben sie auch noch einen anderen Typen zu den Ärzten gebracht. Garcia glaubs. Den haben sie am Strassenrand aufgelesen. Soll Staub gefressen haben. Also buchstäblich. Die Autos der Rennbetreuer sollen auf den Feldstrassen ständig Staub aufgewirbelt haben. Von dem soll er zuviel abgekriegt haben. Sollte eigentlich tot sein, haben sie gemeint. Organschäden.

Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende. Ziemlich surreal, im Nachhinein. Wäre ich nicht selbst dabei gewesen würde ich die Hälfte nicht glauben.

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